Tasten und Saitenflüstern

Tasten und Saitenflüstern – Wenn die Königin der Instrumente in Goßmar zu Swing und Sehnsucht pfeift

Tasten und Saitenflüstern

Die Stille, die Klänge hervorbringt

Die Dorfkirche in Goßmar, eingebettet in die ruhige Weite bei Sonnewalde, ist ein Ort, an dem die Zeit stillzustehen scheint. Doch an diesem Abend wird diese Stille nicht einfach gebrochen, sondern sie wird verwandelt. In der Niederlausitz, fernab der hektischen Konzertsäle der Großstädte, erwacht ein Dialog von seltener Intensität: Das Konzert „Tasten und Saitenflüstern“ verspricht eine musikalische Reise, die von den höchsten Gipfeln der Romantik bis hin zur intimen Gelassenheit des Swing reicht.  

Dieses Ereignis ist mehr als nur eine musikalische Darbietung; es ist eine tief emotionale Audienz, ein Zwiegespräch zwischen Fred Baranius an der Violine und Kirchenmusikdirektor (KMD) Andreas Jaeger an Orgel und Piano. Gemeinsam laden diese beiden Finsterwalder Musiker das Publikum ein, die gesamte Bandbreite menschlicher Gefühle zu durchmessen – von der erhabenen Sehnsucht nach Harmonie bis zur ausgelassenen, erdverbundenen Freude des Augenblicks. Die architektonische Majestät der Dorfkirche Goßmar wird zur Bühne für eine klangliche Dualität, deren Kontrastreichtum die Herzen der Zuhörer unweigerlich berühren muss.  

Violine und Orgel in Romantischer Tiefe

Der erste Teil des Abends gehört der großen, leidenschaftlichen Emotion, die in den Werken der Spätromantik verwurzelt ist. Das Programm beginnt mit einem dramatischen Aufeinandertreffen: Die zarten Melodien, die Fred Baranius seiner Violine entlockt, treten in einen mächtigen Dialog mit den leidenschaftlichen Harmonien der Orgel. In dieser Konstellation fungiert die Violine oft als die menschliche Stimme, flehend, klagend oder jubelnd, während die Orgel, die „Königin der Instrumente“, das Fundament der Ewigkeit und der Erhabenheit liefert.  

Die Darbietung romantischer Werke, darunter Kompositionen von Meistern wie Hans Sitt und Josef Rheinberger, zielt darauf ab, jene tiefe „Sehnsucht nach Harmonie“ zu wecken, die Künstler und Zuhörer seit Jahrhunderten bewegt. Es ist Musik, die nicht nur gehört, sondern körperlich gespürt wird. Die Alexander-Schuke-Orgel aus dem Jahr 1914, die in Goßmar thront, spielt dabei eine Schlüsselrolle. Bei diesem Instrument handelt es sich um eine pneumatische Orgel, die über ein Ventil-System durch Luft betrieben wird. Dieser technische Aufbau verleiht dem Klang eine besondere Weichheit und einen anschlagsunabhängigen, organischen Fluss. Man könnte sagen, die Orgel flüstert nicht nur, sie atmet förmlich die Geschichte und die Musik in das Kirchenschiff hinein, wodurch die romantische Tiefe der Kompositionen besonders intensiv zur Geltung kommt.

Die Protagonisten des Niederlausitzer Klangs

Die Qualität des Konzerts in Goßmar wird maßgeblich durch die künstlerische Exzellenz seiner Interpreten bestimmt. Sowohl KMD Andreas Jaeger als auch Fred Baranius sind tief in der Region verwurzelte Musiker aus Finsterwalde. Ihre Darbietung ist somit ein Ausdruck regionaler Kulturpflege auf höchstem Niveau.  

Andreas Jaeger trägt den Titel Kirchenmusikdirektor (KMD), eine Ehrung, die weit über eine einfache Berufsbezeichnung hinausgeht. Dieser Titel wird von der Kirchenleitung der Evangelischen Kirche Berlin-Brandenburg-schlesische Oberlausitz (EKBO) für außerordentliche und langjährige Verdienste um die Kirchenmusik verliehen. Die Verleihung dieses Titels an Herrn Jaeger unterstreicht die Wertschätzung seiner Tätigkeit und seiner Rolle als führender Kirchenmusiker der Region. Die Anwesenheit eines Künstlers dieses Rangs in der Dorfkirche Goßmar zeugt von der kulturellen Bedeutung des Ereignisses und gewährleistet eine Darbietung, die sowohl technisch brillant als auch tief empfunden ist.

Fred Baranius, der Meister der Violine, ergänzt diesen musikalischen Rang mit seiner emotionalen Führung. Seine Fähigkeit, die Violine als sensiblen Gegenpol zur gewaltigen Orgel zu positionieren, ermöglicht den intimen Dialog, der dem Konzert seinen Namen gibt.  

Die Alexander-Schuke-Orgel

Der eigentliche Star des Abends ist das Instrument selbst: Die Alexander-Schuke-Orgel, 1914 von dem traditionsreichen Orgelbaubetrieb aus Werder/Havel geschaffen. Die Geschichte dieser Orgel ist untrennbar mit der Kulturgeschichte Goßmars verbunden. Die Region um Sonnewalde ist seit Jahrhunderten ein Zentrum des Orgelbaus, in dem bereits Orgelbauerfamilien wie Claunigk und Schröther wirkten.  

Der schöne barocke Orgelprospekt (Gehäuse) hat sich von der Vorgängerorgel erhalten, 1756
geschaffen vom Sonnewalder Orgelbauer Matthäus Claunigk. Die seitlichen Kartuschen zeigen das
Wappen der Grafen Solms-Sonnewalde (links) und rechts – über einer älteren Inschrift – den
Schriftzug „Erneuert 1914“. Dieses Instrument aus dem Jahr 1756 (Angaben aus dem Pfarrarchiv
Goßmar, Lagerbuch 1891/92) hatte 12 Register auf einem Manual und Pedal mit mechanischen
Schleifladen. Leider sind bisher keine weiteren Angaben bekannt.
Die gegenwärtige Orgel wurde 1913 als Opus 92 von Alexander Schuke, Potsdam, erbaut. Sie hat
die gleiche Registerzahl. Sie ist jedoch gänzlich anders konzipiert. So verteilen sich die Register auf
zwei Manuale, die technische Anlage besteht aus pneumatischen Kegelladen und die
Klangkonzeption entspricht ganz dem hochromantischen Ideal vor dem 1. Weltkrieg. Die Betonung
der Grundtonlage (8‘) mit unterschiedlich starken Flöten- und Streicherstimmen ermöglicht ein
orchestral-dynamisches Registrieren, was – wie das Goßmarer Instrument zeigt – auch bei der
geringen Stimmenzahl einer Dorfkirchenorgel überzeugend funktioniert. So reicht die dynamische
Palette von den zarten Klängen der Aeoline 8‘ bis zum kräftigen Tutti, das durch Bordun 16‘ im
Manual unterfüttert und mit einer Mixtur gekrönt wird.
Im Jahr 2021 wurde die Orgel durch die Mitteldeutscher Orgelbau A. Voigt GmbH aus Bad
Liebenwerda umfangreich restauriert. In diesem Zusammenhang erfolgte die Anschaffung eines
neuen elektrischen Gebläses, die Erneuerung der elektrischen Anlage sowie die Neubelederung und
Reparatur des großen Magazinbalgs im Turmraum. Gleichzeitig wurden auch die ursprünglichen
Prospektpfeifen aus Zinn im Mittelturm der Orgel, die im Verlauf des 1. Weltkrieges nach 1917
durch Zinkpfeifen ersetzt worden waren, wieder in den Originalzustand zurück gesetzt. Dadurch
konnte die Orgel nicht nur optisch gewinnen, sondern auch der geschlossene Klang des Registers
Principal 8‘ wurde wieder hergestellt.

Doch wie viele historische Instrumente war auch diese Schuke-Orgel der Vergänglichkeit ausgesetzt. Die Tatsache, dass sie heute wieder mit voller Klangpracht erklingen kann, ist dem beharrlichen Engagement der lokalen Gemeinschaft und der Fachkenntnis der Restauratoren zu verdanken. Die Orgel wurde 2021 restauriert und ihre Wiederbelebung ist ein Sieg der Denkmalpflege. Sie ist nun nicht mehr nur ein Instrument, sondern ein klingendes Denkmal, das von der Widerstandsfähigkeit des regionalen Kulturerbes erzählt.

Wenn KMD Jaeger die Tasten berührt, erweckt er nicht nur die Musik zum Leben, sondern auch die Geschichte des Orgelbaus selbst, der 2017 von der UNESCO zum immateriellen Weltkulturerbe erklärt wurde. Der Orgelbau, der in der Firma Schuke seit 1894 mit tiefster Leidenschaft gepflegt wird, findet in der kleinen Dorfkirche Goßmar eine Bühne, die ihre überregionale kulturelle Bedeutung eindrücklich beweist.  

Die nachfolgende Tabelle fasst die Kerndaten dieses kulturellen Höhepunktes zusammen:

Kerndaten zum Event und zur Orgel

ElementSpezifikationBedeutung für Goßmar
InterpretenKMD Andreas Jaeger (Orgel/Piano), Fred Baranius (Violine)Hochkarätige lokale Musiker; KMD-Titel als Anerkennung höchster Standards  
InstrumentAlexander-Schuke-Orgel von 1914Pneumatisch, 2021 restauriert. Zeugnis der regionalen Baukunst und des UNESCO Weltkulturerbes  
OrtDorfkirche Goßmar bei SonnewaldeHistorische Stätte und Zentrum des regionalen kulturellen Lebens  
EintrittKostenlosErmöglicht breiter kultureller Teilhabe; Spenden zur Erhaltung erwünscht 

Vom Kirchenschiff zum intimen Jazz-Café

Der tiefgreifendste emotionale Moment des Abends liegt in dem dramaturgischen Wechsel, der das Publikum von der erhabenen Romantik in die Welt des Swing entführt. Nach den großen, weitreichenden Melodien der Orgel und Violine folgt ein überraschender Schwenk, der die spirituelle Spannung löst und in pure, weltliche Lebensfreude überführt.  

Die Musiker verlassen die Orgelempore und bewegen sich in den Altarraum der schönen Dorfkirche. Andreas Jaeger wechselt nun von der monumentalen Orgel zum intimeren Piano. Dieser Ortswechsel und der Instrumentenwechsel symbolisieren den Übergang von der historischen Verpflichtung zur gegenwärtigen Leichtigkeit. Plötzlich erklingen Swing-Standards wie „Hello and Good Day“ und die Einladung zum „Midnight Coffee“.  

Dieser Wechsel in der Musik wurde mit Bedacht gewählt und macht die Geschichte des Abends rund. Die Sehnsucht nach Einklang, die man im ersten Teil spürt, findet ihren Abschluss nicht in einer ruhigen, feierlichen Stimmung, sondern in der einfachen, gemeinsamen Freude des Swing und Jazz. Gerade dieser Gegensatz zwischen der tiefen, fast schmerzhaften Romantik und der lockeren, beschwingten Musik ist die wahre Stärke des Konzerts. Er zeigt, dass Musik in all ihren Formen – egal ob als ernstes Orgelkonzert oder als leichtes Piano-Stück – Geschichten über das Menschsein erzählen kann, die von tiefster Leidenschaft bis zu fröhlicher Ausgelassenheit reichen.

Die folgende Übersicht verdeutlicht die emotionale Kurve, die das Publikum durchläuft:

Musikalische Dramaturgie des Konzerts

Konzert-SektionInstrumente & OrtStilrichtungEmotionale Stoßrichtung
I. Erhabenheit (Beginn)Orgel (Schuke, Empore) & ViolineRomantik (Sitt, Rheinberger)Tiefe, Leidenschaft, Suche nach Harmonie  
II. Intimität (Finale)Piano & Violine (Altarraum)Swing/Jazz (Standards: „Midnight Coffee“)Leichtigkeit, Entspannung, intimer Dialog  

Die Einladung zur Teilhabe

Das Konzert „Tasten und Saitenflüstern“ ist ein herausragendes Beispiel dafür, wie lokale Gemeinschaften durch kulturelle Veranstaltungen überregionale Standards setzen können. Das Zusammenspiel der regionalen Meister KMD Andreas Jaeger und Fred Baranius mit der historischen, restaurierten Alexander-Schuke-Orgel macht dieses Ereignis zu einem kostbaren Gut für Goßmar und die gesamte Niederlausitz.

Ein besonders wertvoller Aspekt dieses kulturellen Angebots ist seine Zugänglichkeit. Der Eintritt zu diesem hochkarätigen musikalischen Erlebnis ist frei. Dies unterstreicht den Charakter des Konzerts als Geschenk an die Dorfgemeinschaft und die umliegende Region, fördert die bürgernahe Kulturpflege, die sich auch in der aktiven politischen Teilhabe der Goßmarer Bürger widerspiegelt. Die freie Zugänglichkeit des Konzertes steht im Einklang mit dem Wunsch, jedem die Teilhabe an diesem Kulturerbe zu ermöglichen.  

Dennoch ist die Bewahrung eines solchen historischen Instruments und die Finanzierung der professionellen Darbietung regionaler Künstler auf Unterstützung angewiesen. Die Besucher werden daher herzlich um eine Spende gebeten, die zur Begleichung der Unkosten und zur nachhaltigen Sicherung der Kirchenmusik in der Region dient. Eine Spende ist hierbei nicht nur eine Geste der Dankbarkeit, sondern eine direkte Investition der Gemeinschaft in ihren eigenen, wiederhergestellten Klang. Die Melodien von Sehnsucht und Swing in Goßmar sind ein Beweis dafür, dass die Seele der Niederlausitz durch die Tasten und Saiten ihrer Meister weiterlebt und atmet. Ein Besuch ist eine Verabredung mit der Geschichte und der puren Freude am Klang.  

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